Mehr Feinsinnigkeit wagen

22.08.2019 – allgemeiner Beitrag

                                                                              Bild: Bessi, Pixabay.com

In den letzten Monaten hat sich aus allem, was ich zu sehen, zu hören und zu lesen bekommen habe, etwas herauskristallisiert. Ein besonders glücklicher Umstand hat mir dann auch noch den Kontakt zu einem vom Wesen her zugleich sehr zarten und klugen Menschen eröffnet, und im Austausch mit ihm wurde für mich greifbar, was sich lange Zeit nur als vage Sehnsucht in mir erhalten hatte, in der ich weder ein konkretes Ziel fand noch der ich verbalen Ausdruck hätte verleihen können.

Diesen Versuch möchte ich jetzt unternehmen, schlicht weil es derart schön ist, dass es mich bisweilen überwältigt. Alles, was ich durch den Prozess des sog. „Erwachsenwerdens“ und „Konditioniertwerdens“ als verloren glaubte, ist nun in voller Anmut, Größe und Intensität wieder da. Besser noch, es steht sehr viel klarer und deutlicher vor mir, als ich das je für möglich gehalten hätte.

Diesen Beitrag schreibe ich für all diejenigen, die in sich ebenfalls diese vage Sehnsucht verspüren und die deshalb ahnen, es müsste doch „mehr“ geben, da müsste „mehr“ sein, „etwas“ fehle, und die bei ihrer Suche danach fast verzweifeln.

Mein Weg hat mich zeitweise dazu gezwungen, Abstand vom gesellschaftlichen Leben zu nehmen und ein ziemlich einsiedlerisches Dasein zu führen. Nach Jahren der Zurückgezogenheit und nach einer intensiven Auseinandersetzung mit mir selbst (in Teilen hier nachzulesen) warf ich mich schließlich wieder voller Erwartung und Freude ins gesellige Treiben (ich wechselte den Job). Das war genauso schockierend wie es heilsam war, denn was ich an zwischenmenschlichem Kontakt entbehrte, fand ich wieder, und wovon ich gehört hatte, bestätigte sich mir: Im Laufe der Jahre hatte sich der einzelne Mensch verändert, der Umgangston war rauer geworden, der Konkurrenz- und Leistungsdruck höher, unbestimmte sowie bestimmte Ängste herrschten vor. Im anonymen, schnelllebigen Kontakt trat all das deutlich an die Oberfläche, doch es war mir gegeben, gewisse Situationen entspannen zu dürfen und den Druck, wenn auch nur für Minuten, herauszunehmen, und da offenbarten sich mir gänzlich andere Attribute. Dieselben Menschen, die gerade noch um sich schlugen, um es drastisch auszudrücken, waren jäh ruhig, gefasst, empathisch und manchmal sogar richtig ergriffen. Bei den meisten hatte ich das Gefühl, sie hätten nur auf jemanden gewartet, der sie wie ein menschliches Wesen behandelt, damit sie endlich dasselbe sein und zeigen durften.

Bild: Leuchtturm81, Pixabay.com

Da ich also nun fast täglich diesem Kontrastprogramm ausgeliefert war und merkte, wie sehr es an mir zehrt und wie viel Energie es kostet, brauchte ich einen Ausgleich und etwas, das mir zugleich Energie zurückgibt und mich geistig und seelisch „anhebt“ resp. nicht noch weiter hinunterzieht. Intuitiv wandte ich mich bestimmter Musik zu, hörte nun vorrangig orchestrale Musik wie Beethoven, Mozart, Schubert etc., aber auch die Meditationsmusik meines Vaters, und gleichzeitig fing ich an, Romane zu lesen, die sowohl die leichte Seite des Lebens behandeln als auch tiefgründig sind.
Außerdem zog es mich immer mehr in die Natur, die sich mir auch jäh in neuem Licht präsentierte. In manchen Momenten konnte ich richtiggehend wahrnehmen, wie sie und ich in Wechselwirkung stehen und wie wir uns gegenseitig „befruchten“. Sie bereitet den Grund und Boden, auf dem ich gehe und sicher stehe, und ich bewege mich an ihrer statt und für sie. Sie streckt sich „blind“ und vertrauensvoll immer weiter aus, ich bin Zusammenzug und Ballung und ihr Auge, das sich an ihrer Schönheit ergötzt. Sie atmet das CO², das ich ausatme, und ich atme den Sauerstoff, den sie ausatmet. Kurzum, mir wurde immer bewusster, wie sehr wir eins sind und einander bedingen und brauchen.
Nach wenigen Monaten landete ich schließlich bei den literarischen Werken, die ich als Jugendliche irgendwann aufgegeben hatte, und ich las Goethes „Faust“ noch einmal. Von hier aus führte mich der Weg zu Hölderlin und zu Schiller. Und hier stehe ich nun, vor allem dank des besagten Kontaktes, der mir so sehr geholfen hat.

Was ich in all dem fand, kann ich kaum beschreiben. In Hölderlins „Hyperion“ heißt es: »… und mir ist, als öffnet‘ ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit«, und das sagt im Grunde alles. Dort, damals zu dieser Hoch-Zeit, lebten ein paar Wenige, die die Notwendigkeit erkannten, Herz und Verstand, Logos und Mythos, Urmutter und Urvater, Natur und Geist, Seele und Körper – all diese Polaritäten – in Ausgleich zu bringen und weder das eine zu verteufeln noch das andere hervorzuheben. Da fand eine Synergie, ein Zusammenwirken von Inhalt und Form statt: In so wunderbaren, beflügelten und inspirativen Worten wurde ein so schöner, wahrer und guter Inhalt transportiert, und das soll uns Vorbild sein für ein gesundes, reines Innenleben, das in einem gesunden, reinen Körper stattfindet, der wiederum zu einem Instrument wird, um dieses Schöne, Wahre und Gute in die Welt zu transportieren und in ihr umzusetzen. (Dasselbe trifft natürlich auch auf die orchestrale Musik zu und auf viele andere Kunstwerke aus dieser Zeit, doch mein Metier ist nun mal das Wort.)
In einer solchen (echten) Kunst, die diese Synergie schafft, wird der ganze Mensch angesprochen, das Herz ebenso wie der Verstand, der Geist wie der Körper, das Bewusstsein wie das Unterbewusstsein, das Ego-Ich wie das „höhere Ich“.

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Man muss nicht die Musik hören, die ich höre, oder das lesen, was ich lese (auch wenn ich es sehr empfehle, allem voran Hölderlin und Schiller; ich finde darin alles). Die Essenz, die Botschaft, die ich vermitteln will, ist eine andere. Es geht darum, die Feinsinnigkeit zurückzugewinnen, die wir als Kinder besaßen.

Was aber meine ich mit diesem Wort?

Ich meine all das, was heute als Kitsch, Zeitverschwendung und Aberglaube gilt. Ich meine den Zugang zu genau solchen feinsinnigen Werken (und auch zu Menschen und zur Natur), den man sich durch ebenjene Feinsinnigkeit erschließen „muss“. Sie, das feine Empfinden, die Sensibilität und Sensivität, ist der Schlüssel.
Liest man ein solches Werk nur aus analytischer Sicht, geht man an der Essenz genauso vorbei, wie wenn man nur „hineinfühlt“. Hölderlin sagt es im Vorwort zu „Hyperion“ so: »Wer bloß an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflückt, bloß, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.«

Die Esoteriker sagen, man müsste den Verstand abschalten und sich dem Herz zuwenden, aber ich denke, das ist ein Irrtum. Ich glaube, wir brauchen derzeit beides, um echten Kitsch von wahrer Romantik (etwas, das den Menschen mit Liebe erfüllt), um Meisterwerke von Schund, um Wahrheit von Halbwahrheit und Lüge, um das Gute vom Schlechten trennen zu können.

Niemals zuvor wurden wir mit so vielen Informationen überflutet, niemals zuvor gab es ein solches Angebot an Ablenkung in Form von Publikationen aller Art, und gerade wenn ich mir die aktuellen Blockbuster ansehe, bekomme ich das Grauen. Ich kann darin kaum noch Schönheit finden, und wo keine Schönheit ist, kann auch nichts Wahres und Gutes sein, denn das eine gibt es nicht ohne das andere.

Diesen Sinn, den Feinsinn, sollten wir zurückgewinnen. Wir sollten auf einen Blick erkennen können, ob etwas schön, wahr und gut ist oder nicht, und das nicht allein mit dem Herzen resp. mit den Gefühlen, denn sie können genauso täuschen wie es der Verstand resp. die Gedanken können. Nur wenn sie zusammenarbeiten, wenn sie Hand in Hand gehen und sich eigene Gedanken mit von innen kommenden Gefühlen decken, vermögen wir die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich glaube, nichts ist momentan wichtiger als das.

Lassen wir uns eine tiefe Verbundenheit zu Gott nicht länger als Aberglaube oder Dummheit verkaufen.
Lassen wir uns Naivität (= Kindlichkeit, Ursprünglichkeit) nicht länger als Schwäche verkaufen.
Lassen wir uns Romantik nicht länger als Kitsch verkaufen.
Lassen wir uns Meisterwerke nicht länger als Schund verkaufen.
Lassen wir uns Schönheit nicht länger als wertlos verkaufen.
Lassen wir uns Liebe nicht länger als bloße Körperlichkeit verkaufen.
Lassen wir uns Stille nicht länger als Lärm verkaufen.
Lassen wir uns das Gute nicht länger als das Schlechte verkaufen.
Lassen wir uns Kriege nicht länger als Friedensmissionen verkaufen.
Lassen wir uns Tiere, Insekten und Pflanzen nicht länger als untergeordnet verkaufen.
Lassen wir uns Theorien nicht länger als absolute Wahrheiten verkaufen.
Lassen wir uns gute Menschen nicht länger als Verschwörungstheoretiker verkaufen.
Lassen wir uns „Christusmenschen“ nicht länger als böse Menschen und Querulanten verkaufen.
Lassen wir uns die Erkenntnisse aus eigener Wahrnehmung nicht länger als problematisch verkaufen.
Lassen wir uns Lügen nicht länger als Wahrheiten verkaufen.
Lassen wir uns Spaß nicht länger als Freude verkaufen.
Lassen wir uns Ramsch nicht länger als Kunst verkaufen.
Lassen wir uns rein materielle Werte nicht länger als ganzheitliche Werte verkaufen.
Lassen wir uns Gier, Geiz und Machthunger nicht länger als attraktiv und anziehend verkaufen.
Lassen wir uns finanzielle und berufliche Erfolge nicht länger als inneres Wachstum verkaufen.
Lassen wir uns Durchsetzungskraft nicht länger als erstrebenswert verkaufen.
Lassen wir uns Psychopathie nicht länger als Normalität verkaufen.
… etc. pp. …

Lassen wir uns nicht mehr ablenken vom Wahren, Schönen und Guten.

Lasst uns naiv, „höher“-gläubig, romantisch, klug, verständig, liebevoll, friedlich, hilfsbereit, ehrlich, authentisch, wissensdurstig und kreativ sein oder zumindest danach streben, und wenden wir uns von allem ab, was das nicht ist.

Lasst uns mehr Feinsinnigkeit wagen, die Verantwortung für all unser Handeln wieder selbst übernehmen und sehen, wohin uns das führt.

Lassen wir den Feinsinn aufkeimen, gedeihen und ihn zur Entfaltung kommen, so wie wir uns zärtlich einer Pflanze zuwenden, um uns nach sorgsamer und behutsamer Pflege an ihren Blüten und Früchten zu erfreuen.


Von Herzen,
eure Melanie Meier