Alles nur Maya?

Die befreiende Wirkung der Wirklichkeit

Vor etwa zehn Jahren berichtete ich meinem damals achtzigjährigen Großvater von Google Earth und der Zoom-Funktion, die es einem ermöglicht, via Internet von den Satelliten und Luftbildern aus bis in die Straße hineinzublicken, in der er wohnte. Er hörte mir aufmerksam zu. Gegen Ende meiner Schilderung schüttelte er den Kopf, sagte laut „nein“, stand auf und verließ den Raum.
Ich war verwirrt. Nein? Was nein?

Es dauerte ein wenig, bis ich begriff, dass er sich nichts von dem Berichteten vorstellen konnte. Für ihn war es schon schwierig zu verstehen, wieso ein Handy keine Kabelverbindung mit der Buxe braucht und dennoch funktioniert. Das Internet, Google Earth und Street View, E-Mail-Verkehr, SMS – all das war für ihn schlicht kein Bestandteil der Realität, es war und blieb unvorstellbar. Darum das einfache und doch so klare Nein sowie der anschließende Rückzug, der ihn vor weiterem derartigem Unfug bewahrte.

Was der Mensch erkennen kann, wozu er fähig ist und wohin er sich entwickeln und bilden sollte, darüber streiten sich nicht erst die modernen Hirnforscher und „neuerdings“ die Neurowissenschaftler. Es ist ein altbekanntes Thema, das sich durch alle Zeitalter zieht und jeden Denker und Analytiker beschäftigt. Die Frage, wie verlässlich unsere Wahrnehmung ist und ob und inwieweit sie mit der Realität übereinstimmt, ist uralt. Die Frage also ist dieselbe geblieben, religiöse, philosophische und wissenschaftliche Antworten hingegen gibt es viele.

Maya und Matrix

Maya, Matrix: Diese Wörter hört man in der alternativen und spirituellen Szene oft. Der Begriff māyā entstammt dem Sanskrit und bedeutet „Illusion, Zauberei“. Die Maya ist unsere Erscheinungswelt mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, wobei der Begriff „Erscheinungswelt“ bereits den (An-) Schein impliziert. Die Matrix wiederum ist seit den gleichnamigen Filmen bekannt: Sie beschreibt eine Welt, in der die Menschheit als Energielieferant bewusstlos gehalten wird. Sowohl für Maya als auch für die Matrix gilt: Man muss aus ihnen erwachen, muss sich seiner selbst bewusst werden, um die Wirklichkeit „dahinter“ erkennen zu können.

Ist alles, was wir sehen, riechen, ertasten, hören und fühlen können, also Illusion? Sind die Schmerzen, die wir leiden, nur eingebildet? Sind das Übel und die Not, die auf dem Erdenrund vorherrschen, all die Drangsal, die Kriege, die Katastrophen und menschlichen Unglücke nichts als „Zauberwerk“? Müssen wir nur erwachen, um jedweder Krankheit ein Schnippchen zu schlagen?
Oder anders ausgedrückt, kann ein einzelner Mensch durch die korrigierte, d. h. durch die richtige Wahrnehmung, den Lauf der ganzen Menschheitsgeschichte verändern?

Die Welt des Menschen zeichnet vor allem eines aus: Erkenntnis. Innerhalb des Willens, etwas Unbekanntes zu erkennen, liegt nicht nur das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts verborgen, sondern auch die Fähigkeit, sich in andere Menschen und Situationen einfühlen zu können, auch Empathie genannt. Wer durch die gewonnene Erkenntnis im Anschluss Verständnis für etwas oder jemanden aufzubringen vermag, hat Verstand und Herz (Gefühl) in Einklang gebracht.
Wenn man sich nun den unterschiedlichen Glaubens-, Wissenschafts- und Philosophiesystemen zuwendet, die eine Antwort auf die Frage geben, was die Wirklichkeit (und die Wahrheit) ist, kann man diese Systeme verstehen, ohne sie von vornherein negieren oder hochhalten zu müssen. Man kann sich in sie hineindenken, kann den Gedankengängen folgen, und man kann fühlen, wie sich die diversen Antwortangebote individuell auswirken.
Zu welchem Schluss auch immer man daraufhin kommen mag, eines hat man geschafft: Man erkennt, welchem Milieu und welcher Geisteshaltung diese Antworten entspringen, und man versteht diejenigen, der sie ersonnen haben. Aber man kann sich klar von gewissen Aussagen distanzieren, wenn nötig.

So arbeitet man sich von System zu System vor, bis man merkt, dass man sich der Wirklichkeit dadurch nicht angenähert hat. Doch man hat den Willen zu erkennen trainiert und gelernt, nicht einfach alles ungeprüft hinzunehmen.

Realität und Wirklichkeit

Was größtenteils synonym verwendet wird, möchte ich hier auf eine differenzierte Weise aufrollen, nämlich die Begriffe Realität und Wirklichkeit. Dabei beziehe ich mich auf die Unterscheidung, die sich mir bei meinem Nahtoderlebnis und dem sechs Jahre darauf eingetretenen „Einweihungserlebnis“ präsentiert hat, und die ich dann auf eine ähnliche Weise in Platons Lehren vorgefunden habe.
Die Realität ist all jenes, was sich uns als real darbietet, also die Summe dessen, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, was wir uns ausdenken und was wir erzeugt und erschaffen haben, Gesellschafts-, Politik-, Kultur- und Wissenssysteme inklusive. Die Realität ist Bestandteil der relativen Welt.
Die Wirklichkeit hingegen ist ausschließlich das, was natürlicherweise, was autark wirkt, und das nach Gesetzmäßigkeiten, so wie beispielsweise nach den physikalischen, aber eben auch nach den feinstofflichen und geistigen Schöpfungsgesetzen. Die Wirklichkeit ist zwar noch nicht die absolute Welt, immerhin wirkt sie sich innerhalb der Relativität aus, doch sie entspringt dem Absoluten unmittelbar und bleibt in ihrer Wirkkraft stets unbeeinflusst von der auf ihr ruhenden Realität.

Die Realität beinhaltet demnach die Wirklichkeit, während die Wirklichkeit gewisse Aspekte der Realität kategorisch ausschließt. Als Beispiel: Eine physikalische Gesetzmäßigkeit (= Wirklichkeit) hat innerhalb eines politischen Systems (= Realität) Bestand – der Apfel fällt überall zu Boden, auch im Büro der Kanzlerin –, während die Gesetzmäßigkeit (Gravitation) vom politischen System völlig unberührt bleibt.

Die Wirklichkeit ist damit so etwas wie die Grundstruktur dessen, worin wir leben, das, worin wir geborgen und getragen sind. Genau genommen beantwortet die Wirklichkeit all jene Fragen, die die heutige Wissenschaft (= Realität) nicht zu beantworten vermag, wie: Was ist Leben? Was belebt und erhält unseren Körper, ehe wir zu einem bestimmten Moment sterben? Was ist der Sinn unseres Lebens? Warum sterben wir? Was oder wer ist der Mensch? Woher kommen wir?

Die Wirklichkeit bietet uns aber auch die Möglichkeit, auf dieser Ebene selbst schöpferisch tätig zu werden. Sie gibt uns alle Werkzeuge, die wir brauchen, um uns auf ihrem Boden unsere eigene, kollektive Realität zu erschaffen: Wir dürfen uns frei bewegen, dürfen denken, sagen und glauben, was wir möchten, ja wir dürfen uns sogar so weit von ihr entfernen, dass wir sie nicht einmal mehr wahrnehmen.

Heute verwechseln wir die Realität mit der Wirklichkeit oder setzen sie sogar gleich. Wir können in der Regel nicht (mehr) wahrnehmen, was hinter den greif- und sichtbaren Dingen wirkt, und deshalb erforschen wir die Mechanik, die Aus-wirkung (das Fallen des Apfels), vertauschen diese mit der Wirklichkeit, ersinnen auf dieser falschen Grundlage Theorien und stülpen sie damit über die Wirklichkeit. Dadurch bläht sich die Realität immer weiter auf, nimmt immer groteskere Formen und Züge an und wird … zu Maya, zur Matrix. Die Wirklichkeit, die von ihrer Mutter, der Wahrheit, eigentlich für alle sicht- und spürbar getragen wird, bleibt dahinter ungesehen und ungehört zurück und wird beständig weiter „zugedeckt“.

Es ist paradox: Umso mehr Philosophien und Theorien über die Wirklichkeit entstehen, desto weiter entfernt man sich von ihr. Die Sprache selbst ist schon Bestandteil der Realität, die die Wirklichkeit zwar beschreiben, aber nicht wiedergeben kann. Worte beschreiben die Wirklichkeit, werden aber niemals zu ihr.

Alles nur Maya?

Wenn manche Satsang-Lehrer sagen, es ginge nicht darum, noch mehr Wissen anzuhäufen, sondern ebendieses loszuwerden, meinen sie wohl genau das: Der Wirklichkeit, der Wirk-Kraft, die das Leben erst ausmacht und die uns täglich durchströmt, nähert man sich nicht an, indem man noch mehr Bestandteile der Realität in sich aufnimmt und damit seinen Fokus auf sie richtet. Man wird sie allerdings auch nicht los, wenn man sie einfach ignoriert und so tut, als sei alles, was einem nicht ins Konzept passt, Illusion. So manchem, der diesen Fehler beging, hat die Realität letztlich sehr eindrucksvoll gezeigt, wie konkret und streng sie dann eben doch ist.

Die Realität – Maya, die Matrix – ist real und erleb- und spürbar. Sie zeitigt reale Konsequenzen und mitunter wirkliche Folgen.
Aufgrund realer Systeme verhungern Kinder. Falsche medizinische, rein materialistische Theorien (Realität) kosteten bereits unzählige Menschenleben (Wirklichkeit). Das fehlende Geld in der Tasche (Realität) entscheidet darüber, dass abends nichts zum Essen auf den Tisch kommt (Realität), obschon vor der Tür die essbaren Kräuter wachsen (Wirklichkeit), die jedoch kaum jemand kennt und die somit kaum jemand sieht (die Realität überdeckt die Wirklichkeit). An so manchen Stellen wurde der Erdboden aufgerissen, damit Tiefgaragen oder sonstige Bauwerke entstehen konnten (Realität), obwohl dadurch das Gleichgewicht von Flora und Fauna empfindlich gestört wurde (Wirklichkeit).
Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Tatsache bleibt, dass die Realität – Maya, die Matrix – nur aus dem Blickwinkel der Wirklichkeit eine Illusion ist, von unserer Warte aus jedoch ist sie sehr real und bereitet sowohl Schmerz als auch Freude. Und das macht sie auch dann, wenn man die Wirklichkeit längst „gefunden“ hat.

Die Wirklichkeit macht frei

Wir sind Menschen. Wir leben auf diesem Erdenrund. Wir sind „eingekörperte“ Seelen. Selbst Christus besaß als Jesus einen Körper und war ein Mensch. Auf dieser Ebene des Seins zu inkarnieren, bringt den Körper und die Realität mit sich, die uns die Möglichkeit geben, auf einer physisch verdichteten Ebene schöpferisch tätig zu werden. All dies sind Geschenke, die wir erhalten haben.

Auf unserer Erde existiert allerdings bereits eine Realität, und die meisten von uns haben sie nicht miterschaffen. Wir wurden in sie hineingeboren und unterliegen nun ihrem Regelwerk, ob uns das gefällt oder nicht. Aus dem Leid, der Trübsal und dem Martyrium, das diese Realität unübersehbar mal mehr, mal weniger mit sich bringt, kann man sich zwar nicht gänzlich befreien, daran hindert uns der Körper, doch man kann sich durchaus bis zu einem gewissen Grad herausnehmen. Man muss nur ein einziges Mal die Wirklichkeit wahrnehmen, und schon offenbart sich, wie relativ die Realität in Wahrheit ist. Die Wirklichkeit bleibt von den schlimmsten Auswüchsen der Realität immerfort unberührt, und ebenso unberührt bleiben wir in unserem wahren Kern.

Die schlimmsten Momente sind erträglicher, wenn man um die Wirklichkeit weiß, in der weder Schmerz noch Trübsal vorhanden sind. Selbst wenn die reale Pein so groß ist, dass man die Wirklichkeit nicht mehr sehen kann, so weiß man doch, dass sie da ist, dass wir in ihr verwurzelt sind, dass sie – und nur sie – wirkt. Und sie wird sich stets bemerkbar machen und nach unserer Aufmerksamkeit rufen: durch einen Sonnenstrahl, der auf unser Gesicht fällt, durch einen Schmetterling, der uns für einen Moment am Arm berührt, durch einen sanften Windhauch, der uns streichelt, oder durch den Anruf der Freundin im genau richtigen Moment – durch Synchronizitäten, die uns an die Wirklichkeit erinnern.

Je mehr die Menschen die Wirklichkeit wahrnehmen und ihren Fokus und Glauben von der momentan in vieler Hinsicht destruktiven Realität abziehen, desto wahrscheinlicher wird die Verwandlung dieser Realität hin zu einer konstruktiven, die fest in der Wirklichkeit (in der Wahrheit) verwurzelt ist.

© Melanie Risi-Meier